Wenn ein geliebter Mensch sich in sich selbst zurückzieht – und Worte versagen
In seiner Wohnung – und in seiner Welt
Er ist nicht verschwunden. Nicht physisch. Er lebt in seiner Wohnung, nur wenige Strassen von mir entfernt. Und doch scheint er – in einem tieferen Sinn – nicht mehr da zu sein.
Ein geliebter Freund, voller Wärme, Feingefühl, Witz und Klugheit. Ein Mensch, der zuhören kann, der anderen Halt gibt.Doch in letzter Zeit zieht er sich radikal zurück – in sich selbst, in den Alkohol, in einen Zustand, in dem keine Sprache mehr durchdringt.
Wenn ich ihn besuche, sitzt er kaum aufrecht. Er spricht nicht oder nur leise.
Manchmal kriecht er auf allen Vieren durch seine Wohnung – als wäre der Boden der einzige Ort, den seine Seele noch ertragen kann.
„Wenn ein Mensch auf allen Vieren kriecht, ist es nicht nur der Alkohol, der ihn zu Boden zwingt. Es ist oft eine ganze Lebensgeschichte, die ihn niederdrückt.“ (fiktives Zitat im Stil von C. G. Jung)
Ich sitze still. Schaue. Atme. Und frage mich: Wie kann ich ihn erreichen – ohne ihn zu verlieren?
Und: Wie verliere ich mich nicht dabei?
Spiritus contra spiritum – wenn Alkohol eine spirituelle Leerstelle füllt
C. G. Jung schrieb 1961 an den Gründer der Anonymen Alkoholiker, Bill Wilson:
„Alkohol‘ ist im Lateinischen spiritus, und man verwendet dasselbe Wort für die höchste religiöse Erfahrung wie für das verderblichste Gift. Die hilfreiche Formel lautet: Spiritus contra spiritum.“
Er meinte damit:
Alkohol wird für viele zu einem Ersatz für das, was sie in sich nicht (mehr) finden – Sinn, Halt, Liebe, Verbindung. Sie trinken nicht (nur), um zu vergessen, sondern weil etwas in ihnen ruft, etwas, das ungestillt geblieben ist.
Was sie wirklich suchen, ist Geist, nicht Rausch. Doch der „falsche Geist“ (Alkohol) verdrängt den „echten Geist“ – das Selbst, das Wesentliche, das Göttliche.
Und das macht die Sache so tragisch – und so menschlich.
„Dieser Mensch kann gerade nicht hören, weil eine andere Macht in ihm spricht.“ (fiktives Zitat im Stil von Jung)
„Was du brauchst, ist nicht Kontrolle über dich – sondern eine Beziehung zu dir.“ (fiktives Zitat im Stil von Jung)
Nonverbale Kommunikation – die vergessene Sprache
Dieser Blogbeitrag gehört in die Rubrik Kommunikation.
Aber das Absurde ist: Ich kommuniziere nicht mit Worten.
Ich sitze bei ihm.
Ich rede nicht.
Ich halte seinen Blick, wenn er ihn hebt. Ich bleibe still, wenn er sich abwendet.
Ich atme mit, wenn seine Atmung schwer wird.
Und ich begreife: Dies ist Kommunikation.
Nonverbale Präsenz – die Fähigkeit, etwas auszustrahlen, ohne zu sagen, eine Verbindung zu halten, ohne zu fordern, ist in unserer Welt selten geworden.
Als hätten wir diese archaische Sprache verloren – und müssten sie neu lernen.
„Das Unbewusste spricht nicht in Worten, sondern in Bildern und Gefühlen. Diese Sprache ist älter als alle Sprache der Vernunft.“ (sinngemäss nach Jung, vgl. Die Archetypen und das kollektive Unbewusste, GW 9/I)
Mehr dazu da: Bilder und Symbole – die Sprache des Körpers und Unbewussten
Vielleicht ist das die leise Botschaft, die ich an diesem Küchentisch lerne:
Dass Zuhören auch bedeutet, nicht zu sprechen. Dass Dasein manchmal mehr wirkt als jedes Wort.
Dass nichts sagen ein Geschenk sein kann – wenn es aus wacher Verbundenheit kommt.
Mein innerer Konflikt – Anima, Animus und das Aushalten
In mir tobt es. Meine Anima – meine innere weibliche Seite – sagt:
„Bleib. Tröste. Umarme ihn. Sag etwas. Sei weich.“
Mein Animus – meine innere männliche Stimme – ruft:
„Zieh eine Grenze. Er ist nicht dein Projekt. Du musst dich schützen.“
Ich bin beides. Ich ringe.
Ich falle in Fragen, weil es keine einfachen Antworten gibt.
„Du willst ihn retten, weil du ihn liebst. Aber was ihn retten kann, ist nicht deine Liebe – sondern seine Begegnung mit sich selbst.“ (fiktives Zitat im Stil von C. G. Jung)
Die stille Kunst des Bleibens
Ich weiss jetzt:
Die schwierigste Aufgabe ist nicht, zu helfen.
Die schwierigste Aufgabe ist, nicht zu helfen – nicht zu retten – nicht zu unterbrechen, wenn jemand seine tiefste Dunkelheit durchschreiten muss.
Ich bleibe.
Nicht als Retterin. Nicht als Therapeutin. Nicht als Stimme der Vernunft.
Sondern als Mensch, der Zeugin wird.
Der aushält. Der still atmet – und sich selbst nicht verliert.
„Er muss hinunter – du darfst oben bleiben. Damit er weiss, dass es oben noch jemanden gibt.“ (fiktives Zitat im Stil von C. G. Jung)
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst der Kommunikation:
Nicht, was wir sagen. Sondern wie wir da sind, wenn Worte versagen.
„Es ist nicht das Wort, das heilt, sondern die Beziehung.“ (frei nach C. G. Jung, zitiert in vielen Sekundärtexten zu Jungs Psychotherapieverständnis)
Lieber Gruss
Lisa



Ein sehr eindringlicher Blog. Menschen möchten in dieser Situation begleitet werden. Sie brauchen einen geliebten Menschen an ihrer Seite, die einfach da sind. Die Sicherheit vermitteln. Kein Trost, keine Anteilnahme. Einfach da sein und Sicherheit vermitteln. Danke für Ihre Worte und Überlegungen