Der Mensch ist vermutlich nicht für lebenslange Monogamie geschaffen.
Bevor du diesen Artikel empört schliesst, beantworte dir eine einzige Frage:
Warum verlieben sich Menschen immer wieder in andere Menschen, obwohl sie ihren Partner lieben?
Vielleicht beginnt genau dort das Missverständnis.
Anziehung, Verliebtheit, Sexualität, Treue, Verantwortung – der Kampf in uns
Und vielleicht beginnt genau dort auch die Geschichte der Freundschaft Plus.
Viele Menschen führen eine glückliche, monogame Beziehung – und erleben trotzdem irgendwann etwas Unerwartetes: Sie begegnen einem Menschen, und plötzlich ist sie da. Die Anziehung. Manchmal bleibt sie flüchtig. Manchmal wächst daraus Verliebtheit oder sexuelles Begehren. Anziehung fragt weder nach unserem Beziehungsstatus noch nach Eheringen oder Moral. Sie ist einfach da.
Der eigentliche Konflikt beginnt deshalb nicht zwischen zwei Menschen, sondern in uns selbst. Wir wünschen uns Sicherheit und gleichzeitig Freiheit. Verlässlichkeit und Abenteuer. Beides gehört zu uns – und beides lässt sich nicht immer miteinander vereinbaren. Viele versuchen, ihre Gefühle zu verdrängen. Doch Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren. Sie wollen zunächst einfach wahrgenommen werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wie verhindere ich Anziehung? Sondern: Was mache ich mit ihr?
Zwischen einer Fantasie und einem Seitensprung liegen unzählige bewusste Entscheidungen. Gefühle und Handlungen sind nicht dasselbe. Wir können jemanden begehren, ohne untreu zu werden. Genau darin liegt unsere Freiheit – und unsere Verantwortung. Bevor wir handeln, lohnt sich vielleicht nur eine einzige Frage: Kann ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidung leben?
Denn innere Ruhe entsteht weder dadurch, dass wir jedes Gefühl unterdrücken, noch dadurch, dass wir jedem Gefühl nachgeben. Sie entsteht dort, wo unser Handeln mit unseren eigenen Werten übereinstimmt.
Und genau an diesem Punkt taucht eine Beziehungsform auf, die in den letzten Jahren immer populärer geworden ist: die Freundschaft Plus. Auf den ersten Blick scheint sie die perfekte Lösung zu sein: Sex ohne Verpflichtung. Nähe ohne Beziehung. Freiheit ohne Verantwortung.
Aber ist sie das wirklich? Oder ist sie manchmal nur ein anderer Name für etwas, das wir uns selbst nicht eingestehen wollen?
„The only problem with marriage is that they last too long.“
– John Cleese
Ein typischer John-Cleese-Satz: ironisch, überzeichnet – und doch mit einem unangenehmen Kern, den man gerne übersehen will.
Tatsächlich vergessen wir häufig, dass viele Ehen früher nicht deshalb ein Leben lang hielten, weil die Liebe unendlich war. Sie endeten oft einfach früher – weil einer der Partner starb. Scheidungen waren gesellschaftlich geächtet, rechtlich schwierig oder wirtschaftlich kaum möglich. Erst als Menschen länger lebten, Frauen finanziell unabhängiger wurden und Scheidungen einfacher wurden, zeigte sich eine unbequeme Wahrheit: Vielleicht ist lebenslange Partnerschaft schwieriger, als wir uns jahrhundertelang eingeredet haben. John Cleese ging sogar noch weiter:
„Eine Ehe sollte wie ein Hundeführerschein sein – man müsste sie alle fünf Jahre erneuern.“
Ein Scherz? Da bin ich mir nicht so sicher, da er einen wunden Punkt trifft. Und jeder wunde Punkt enthält einen Kern Wahrheit.
Freundschaft Plus – die scheinbar perfekte Lösung
Sie scheint die ideale Antwort zu sein. Auf unsere, schon bestehende Partnerprobleme oder Eheprobleme. Oder wenn wir monogam leben und einfach mal Sex und Nähe wollen. Wir fühlen uns zueinander hingezogen, wir verstehen uns gut, können stundenlang miteinander sprechen und am Schluss passt sogar der Sex. Wow, wir ergänzen uns fast perfekt! – denken wir. Und die Kirsche auf der Torte: keine Verpflichtungen, keine Eifersucht, keine Diskussionen über gemeinsame Zukunft. Also einigen wir uns auf einen Deal: Wir bleiben Freunde und haben Sex. Mehr nicht. Zumindest in der Theorie. Denn hier beginnt die eigentliche Frage: Kann der Mensch Sex und Gefühle wirklich dauerhaft voneinander trennen?
Die grosse Lüge
Die grösste Lüge erzählen wir oft nicht unserem Partner. Sondern uns selbst.
Die meisten Menschen glauben, sie hätten ihre Gefühle unter Kontrolle.
„Ich weiß genau, worauf ich mich einlasse.“ „Ich will nichts Festes.“ „Es bleibt rein körperlich.“ „Wir lassen nur Dampf ab. Das tut uns beide gut“.
Vielleicht stimmt das. Vielleicht aber auch nicht. Denn Gefühle halten sich erstaunlich selten an Verträge. Sie unterschreiben keinen Beziehungsvertrag. Sie akzeptieren keine Abmachungen. Und sie fragen uns nicht, ob sie sich verlieben dürfen.
Schauen wir mal ganz genau die Beziehungstypen an (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):
Typ 1
Zwei Menschen wollen tatsächlich nur Sex. Das funktioniert. Bis einer jemanden kennenlernt. Dann endet die Freundschaft Plus oft erstaunlich friedlich.
Typ 2
Einer verliebt sich. Der andere nicht. Jetzt beginnt das Leiden. Plötzlich wird jede Nachricht interpretiert und dann geht mit den «Warum» -Fragen los: Wann liest er/sie meine WhatsApp Nachricht? Warum antwortet er/sie mir nicht? Warum meldet sie sich erst am nächsten Tag? Warum war er online?
Die Freundschaft Plus bleibt äusserlich dieselbe. Innerlich ist sie längst eine Beziehung geworden – allerdings nur für einen von beiden.
Typ 3
Beide behaupten, sie wollten keine Beziehung. In Wirklichkeit haben beide Ängste vor einer Beziehung. Freundschaft Plus wird zum Schutzschild gegen Verletzungen.
Typ 4: Das Beziehungsdreieck
Einer der beiden lebt bereits in einer Beziehung oder ist verheiratet. Der andere ist Single. Am Anfang scheint alles einfach zu sein. Man geniesst die gemeinsame Zeit, die Gespräche, den Sex. Beide wissen angeblich, worauf sie sich einlassen. Doch Gefühle halten sich selten an Abmachungen.
Mit der Zeit beginnt der Mensch in der bestehenden Beziehung oft innerlich zwischen zwei Welten zu pendeln. Da ist die Sicherheit der langjährigen Partnerschaft. Gleichzeitig entsteht Nähe zu einer neuen Person. Vielleicht sogar Verliebtheit.
Plötzlich stehen sich Werte gegenüber. Treue. Verantwortung. Ehrlichkeit. Leidenschaft. Sehnsucht.
Wer niemanden verletzen möchte, gerät nicht selten in einen inneren Konflikt. Je länger dieser Zustand anhält, desto grösser wird häufig das Leiden – und zwar bei allen Beteiligten.
Die dritte Person gerät dabei leicht in eine Rolle, die sie nie bewusst gewählt hat. Manchmal wird sie zur Hoffnung auf einen Neuanfang. Manchmal zur Übergangspartnerin oder zum Übergangspartner. Manchmal bleibt sie über Monate oder Jahre in der Erwartung, dass sich der andere irgendwann entscheidet.
Doch genau hier liegt die Gefahr.
Nicht jede unglückliche Beziehung endet. Nicht jede Affäre entwickelt sich zu einer tragfähigen Partnerschaft. Und selbst wenn sich jemand trennt, ist das keine Garantie dafür, dass die neue Beziehung Bestand hat.
Manchmal verliert am Ende jeder etwas. Vielleicht geht es um drei Beziehungen:
die Beziehung zu Partner A,
die Beziehung zu Partner B,
und die Beziehung zu sich selbst.
Denn genau diese dritte Beziehung wird in solchen Konstellationen oft übersehen. Menschen fragen sich: „Wen liebe ich?“ oder „Mit wem möchte ich zusammen sein?“ Viel seltener fragen sie sich: „Welcher Mensch möchte ich in dieser Situation sein?“
Typ 5: Freundschaft Plus als Tarnmantel
Manchmal ist „Freundschaft Plus“ gar keine Freundschaft Plus. Zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Der Begriff klingt modern, unkompliziert und unverbindlich. Er vermittelt den Eindruck, als hätten zwei Erwachsene eine bewusste Vereinbarung getroffen. In Wirklichkeit kann er aber auch dazu dienen, etwas anders zu benennen, als es tatsächlich ist.
Ein verheirateter oder vergebener Mensch beginnt eine sexuelle Beziehung zu einer dritten Person. Gleichzeitig bleibt die bestehende Partnerschaft bestehen. Nicht selten mit der Begründung, dass zu Hause etwas fehle: Nähe, Leidenschaft, Verständnis oder Sexualität.
Die neue Beziehung soll das liefern, was in der Alten fehlt. Dadurch muss nichts verändert werden. Die Ehe bleibt bestehen, die Familie bleibt zusammen und die eigenen Bedürfnisse werden trotzdem erfüllt. Für manche funktioniert dieses Modell über Jahre. Für andere wird es zu einem Leben zwischen zwei Welten.
Besonders schwierig wird es, wenn die dritte Person glaubt, irgendwann werde aus der Affäre eine echte Beziehung. Vielleicht wird sie das. Vielleicht aber auch nicht. Viele bleiben länger in dieser Hoffnung, als ihnen guttut.
Deshalb lohnt sich eine unbequeme Frage:
Ist es wirklich eine Freundschaft Plus? Oder ist es eine Affäre, der wir einen angenehmeren Namen gegeben haben? Begriffe können unsere Wahrnehmung verändern. Die Realität dahinter verändern sie jedoch nicht. Nicht jede Freundschaft Plus ist eine Affäre. Aber nicht jede Affäre ist ehrlich genug, sich auch Affäre zu nennen.
Fazit
Freundschaft Plus ist nicht das Problem. Das Problem beginnt dort, wo Ehrlichkeit endet.
Jede Beziehungsform kann funktionieren. Und jede kann scheitern. Der Unterschied liegt selten in der Bezeichnung, sondern darin, wie ehrlich wir sie leben.
Vor allem erzählen wir Menschen gerne Geschichten. Dass wir nichts fühlen. Dass wir alles unter Kontrolle haben. Dass es „nur Sex“ ist. Dass wir niemanden verletzen werden. Oder dass der andere seine Ehe irgendwann bestimmt beendet.
Manchmal stimmen diese Geschichten. Manchmal dienen sie nur dazu, unser Gewissen zu beruhigen.
Vielleicht beginnt deshalb jede gesunde Beziehung – egal ob monogam, offen oder irgendwo dazwischen – genau dort, wo diese Geschichten enden, und Ehrlichkeit beginnt.



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