Liebe und Grenzen? Das klingt widersprüchlich. Oft verbinden wir Liebe mit (völliger) Hingabe. In romantischen Filmen wird sie teilweise sogar mit «Verschmelzung» definiert: Ich gebe mich völlig hin, genauso wie mein Partner. Wie Rammstein es sagt:
«Ohne dich kann ich nicht sein... Mit dir bin ich auch allein, ohne dich. Mit dir stehen die Sekunden, lohnen nicht.»
Ich muss aber sagen, dass sich diese Romantik eher auf die Kennenlernphase bezieht und nicht auf die späteren Jahre, wenn man bereits seit Monaten oder Jahren zusammen ist.
Eine (fast) grenzenlose Liebe ist die Mutterliebe. In einer Partnerschaft hingegen kann das Verschmelzen von Grenzen auch die Selbstaufgabe beinhalten. Man nimmt die eigenen Grenzen nicht mehr wahr – oder will sie nicht mehr wahrnehmen.
Wo sind meine Grenzen verschwunden?
Warum geben wir uns auf? Fällt es uns leicht?
Oft schleicht es sich an. Indem man immer wieder einen kleinen Schritt über die eigenen Grenzen hinausgeht. Indem man zum Beispiel mehr finanzielle Unterstützung gibt, als einem eigentlich lieb ist:
«Ich zahle noch diese Rechnung. Ist schon OK. Ich weiss, dass du kein Geld hast.»
Oder:
«Ich hole das Kind ab. Ich weiss, dass du müde bist.»
Und ich auch, denkt man. Aber man sagt es nicht laut.
Wenn ein Verhalten immer wieder wiederholt wird, entsteht langsam ein Gewohnheitsmuster. Es integriert sich in unser Leben und wird als etwas Natürliches betrachtet.
Wir sehen – und sind doch blind
Wir sehen, dass sich unser Alltag verändert hat. Dass wir uns verändert haben.
Eines Tages wachen wir auf und spüren die Last nicht nur auf unseren Schultern, sondern auch auf unserer Seele. Und wir verstehen die Welt nicht mehr: Wie konnte das passieren?
Tief sitzende psychologische Muster oder besonders belastende Situationen haben die Führung übernommen.
Häufig sind es Ängste. Zum Beispiel die Angst vor den Konsequenzen unserer Handlungen – oder unseres Nicht-Handelns. Dazu kommen unbewusste Glaubenssätze:
«In einer Partnerschaft tut man alles für den anderen.»
«Man teilt die Bürden.»
Die Angst vor Ablehnung, Perfektionismus oder ein starkes Harmoniebedürfnis sind ebenfalls nicht zu unterschätzen.
Mit der Zeit werden die Folgen sichtbar. Sie zeigen sich in Form von Wut, Angst, Ärger, Traurigkeit oder Anspannung. Im schlimmsten Fall kann dieser Zustand sogar krank machen. (Mehr dazu: Warum manche Menschen unsere Wunden aktivieren)
Mangelnder Respekt – fehlende Kommunikation mit uns selbst
Man kann nicht respektiert werden, wenn der Respekt gegenüber dem eigenen Selbst fehlt.
Unsere Emotionen und Bedürfnisse müssen zuerst erforscht werden. Viele von ihnen wurden über Jahre hinweg unter den Teppich gekehrt.
Es lohnt sich deshalb, auf Situationen zu achten, in denen man Wut, Erschöpfung oder Unbehagen verspürt. Solche Gefühle können Hinweise darauf sein, welche Bedürfnisse sich hinter diesen Emotionen verbergen.
Emotionen vermitteln Bedürfnisse.
Wenn man sich selbst lange nicht zugehört hat, braucht es Übung. Einfach ist es nicht. Am Anfang braucht es oft «grössere Ohren» – sprich eine ruhigere Umgebung, in der man wieder mit sich selbst in Kontakt kommen kann.
Was fühle ich?
Und vor allem: Warum?
Persönliche Werte aus dem Versteck holen
Persönliche Werte werden oft erst sichtbar, wenn wir unserem Inneren wieder zuhören.
Reflexionsfragen können helfen:
- In welchen Momenten habe ich mich in den letzten Tagen geärgert oder unwohl gefühlt?
- Was genau hat diese Reaktion ausgelöst?
- War es Wut, Angst, Ärger oder Trauer?
Hinter jeder unangenehmen Emotion versteckt sich oft ein unerfülltes Bedürfnis.
Körper und Psyche arbeiten eng zusammen. Deshalb lohnt es sich auch, auf somatische Reaktionen zu achten, wenn wir «Ja» oder «Nein» sagen.
Ist der Kiefer wieder verspannt?
Habe ich ein mulmiges Bauchgefühl?
Spüre ich Druck oder sogar leichte Schmerzen?
Unser Körper liefert oft Hinweise, lange bevor unser Verstand bereit ist, sie anzunehmen. (Mehr dazu: „Halt, stopp!“ – Wie kann ich gesunde Grenzen setzen?)
Grenzen sind nicht immer schwarz oder weiss. Man muss nicht alles radikal ablehnen. Zwischen «Ja» und «Nein» liegen viele Graustufen. Kompromisse sind möglich. Dafür braucht es jedoch die Fähigkeit, die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen und ernst zu nehmen.
Sokrates sagte:
«Wer die Welt bewegen will, sollte erst sich selbst bewegen.»
Oscar Wilde schrieb:
«Sich selbst zu lieben, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.»
Und Buddha wird folgendes Zitat zugeschrieben:
«Du selbst, so wie jeder andere Mensch im ganzen Universum, verdienst deine Liebe und deine Zuneigung.»
Erst danach wird eine Kommunikation auf Augenhöhe in einer Partnerschaft möglich. Erst wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse kennen und benennen können, sind wir auch in der Lage, die Bedürfnisse des anderen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.
Vielleicht sind Grenzen deshalb gar kein Gegensatz zur Liebe.
Vielleicht sind sie eine ihrer wichtigsten Voraussetzungen.



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